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Drinnen und Draußen  Warum wir eine neue Handlungslogik brauchen

Von Dr. Bettina Haasen, Beraterin bei Synchronize-Consult von der IAA in Frankfurt

Frankfurt. 12. September 2019. Auf dem Weg zurück aus einer anderen Welt, die in diesen Tagen im medialen und gesellschaftlichen Fokus steht – die Welt der Automobilindustrie, der Händler und Zulieferer, die strahlend-leuchtende-heile-stahlglatte Welt, die diesmal unter dem Zeichen von „E“ (Mobilität) steht. Der ICE ist krachend voll, ich bin nicht die Einzige, die am Tag der Eröffnung mit dem Zug direkt von der Messe zurück in die Hauptstadt fährt. „Waren Sie auch auf der IAA“? fragt mich mein Tischnachbar. Ja, das erste und wahrscheinlich das letzte Mal, denke ich, heißt es doch, dass es die IAA (Internationale Automobilausstellung) in dieser Form nicht mehr geben wird. Die Zeiten ändern sich. Letzte Telefonate werden lautstark geführt, so als ob es kein Morgen gäbe. Große Aufruhr. Ich frage mich, ob diese Geschäftswelt denn nie zur Ruhe kommt? Und dann ist es plötzlich still. Totenstill. Das ganze Abteil scheint zu schlafen. Abzudriften. Abzuschalten. Nur ich komme nicht zur Ruhe. Wieso kann ich jetzt nicht endlich auch schlafen? Den ganzen Tag auf den Beinen, von Halle 5 zu Halle 3 zu Halle 8.

Ich versuche die Welt unserer Kunden mit dem Blick auf ihre Handlungslogik zu betrachten und bin hellhörig in jedem Gespräch, worüber und wie man hier spricht. Wie wie sieht es heute, im Jahr 2019, eine Woche bevor das Klimapaket verabschiedet wird, in dieser Welt aus? Wie wird argumentiert? Wo findet Innovation statt? Welches Verständnis hat man hier von Innovation? Wie erlebt und agiert man im Umgang mit disruptiven Technologien? Ich bin hellhörig und achte auf alle Zeichen, die angesichts von gesellschaftlichen globalen Herausforderungen immer dringlicher werden. Während wir – mein Kollege Peter Brunner von  Synchronize Consult  und ich – versuchen, uns ein Bild zu machen über das neue Bild, dass die vertretenen Automobilhersteller, -Zulieferer und Händler so aktiv bewerben, werden wir immer wieder auf uns selbst zurückgeworfen. Ich, die seit einer kleinen Serie von roten Autos (Citroen, Mazda…) schon lange und nun endgültig kein Auto mehr besitzen will und eiserne Stadt-Radfahrerin ist und bleibt, und Peter, Motorradliebhaber und Autofahrer, der mir die für ein E-Fahrzeug nötigen Fahrwerks- und Antriebskomponenten und die Vor-und Nachteile von Wasserstoff in Verbindung mit Brennstoffzellen erörtert. Neben der technischen Annäherung geht es immer wieder um die eigene Wahrnehmung, die den Blick formt: Aus welcher Perspektive blicken wir auf die Messe? Auf ihre Besucher und die begeisterten Gesichter? Welche unterschiedlichen Zukunftsbilder existieren, und wie gelingt es, von einer gemeinsamen Gegenwart auszugehen? Kann man es aushalten, zu beobachten und nicht zu bewerten und auch, dass es da etwas gibt, was bei einem selbst nichts auslöst, für viele Menschen aber ein Symbol von Freiheit und Individualität darstellt? Aus meiner Sicht muss sich ganz schnell, ganz viel, ganz radikal ändern. Eine Woche, bevor das Klimakabinett am 20. September ein Gesamtkonzept für mehr Klimaschutz verkünden wird!

Wie kann es eigentlich sein, dass es auf dieser Messe ein „Drinnen“ und „Draußen“ gibt. Um mich herum einige Stände der Chinesen, die schnell und großflächig Produkte bauen, und ein deutscher Zulieferer, der weiterhin Diesel-Antriebe baut, obwohl es so wenig mit der allgemein internalisierten Abkehr vom Verbrennungsmotor zu tun hat. Dort ein Meeting im Elevator-Modus über Erfahrung mit  Shared Economy  und einer grünen Energiewende in den skandinavischen Ländern. Zu kurz, um wirklich mal nachhaken zu können.

Ein anderer Eindruck: E-Mobilität ist in aller Munde, steht auf allen Plakaten und doch gibt es da die auch die große spürbare Verunsicherung neben all der Vehemenz. Noch gibt es die Hybrid-Fahrzeuge und das etablierte Geschäftsmodell, das eng an die Serienproduktion der SUVs gekoppelt ist, und die wenig kalkulierbare Zukunft inklusive aller politischen Entscheidungen. Wie klimaneutral sind eigentlich die gehypten E-Wagen? Wie CO2 neutral sieht es in der Wertschöpfungskette aus? Jetzt ist es offiziell und politisch „verordnet“ und wird bald auch sanktioniert, aber was passiert, wenn niemand kauft, weil es sich niemand leisten kann? In meiner Suche nach einem facettenreichen Bild in dieser Hochglanz-Welt spreche ich einen jungen Mann an, was ihn denn auf der Messe umtreibe. Er wolle sich ein E-Auto kaufen, privat, sagt er, aber er sei verunsichert. Er hätte jetzt erfahren, dass der e-Treon (von Audi) nur 300 km fahren kann und dann 1,5h zum Laden braucht. Das könne er sich nicht leisten. Geld spiele keine Rolle, aber diese Unsicherheit in Bezug auf seine eigene Mobilität überzeuge ihn nicht.

Kurz darauf ein Gespräch mit einem Vorstandsvorsitzenden, mit dem wir über die Zukunft von Beratung sprechen, aber auch über autofreie Städte und die Dekarbonisierung des Verkehrssektors, was seiner Meinung zu kurz greift, wenn Schiffe und Flugzeuge weiterhin fossile Kraftstoffe benutzen. Es liegt auf der Hand, wie eng das Thema Verkehrswende mit der Energiewende verknüpft ist und alle angeht und gar nicht mehr isoliert diskutiert werden kann. Auch im tollen  Streitgespräch, organisiert von der TAZ zwischen Tina Velo („Sand im Getriebe“) und VW-Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess, werden neben klarer Frontstellung und unterschiedlicher Position auch Dinge angesprochen: Wir brauchen ein neues Wirtschaftsverständnis, Wachstum verändert sich und Wandel darf nicht länger als Verzicht und Mangel betrachtet werden. Individualverkehr kommt an seine Grenzen, und E-Mobilität befindet sich durch seine „Subventionierung“ in Form von SUV-Verkäufen in einem kritischen Spannungsfeld. Viel ist in Bewegung, und es gibt keine isolierten, einfachen entweder-oder Betrachtungsweisen. Die Zeit drängt, und ich träume weiterhin und umso stärker von einer autofreien Stadt und langfristig von einer gut ausgebauten Infrastruktur im ländlichen Raum, für jung und alt, in der das gesellschaftliche Miteinander noch einmal einen neuen Wert bekommt. Aus einem Film von Almodovar erinnere ich den Satz: „Wir sind umso authentischer, je ähnlicher wir dem Traum werden, den wir von uns selbst haben“. Was würde passieren, wenn wir alle wieder mehr (voneinander) träumen würden?

Mobilität und Verkehrswende wird schon längst nicht mehr nur in den Messehallen in Frankfurt verhandelt. Wieso hat hier „Sand-im-Getriebe“ eigentlich keinen Stand? Wieso laufen nicht mehr Politiker rum? Warum gibt es keinen Bürgerdialog? Es ist doch gar nicht so schwer ins Gespräch zu kommen und wir sind alle Teil der „Krise“ und auch der „Wende“. Wenn ich mir das dann wieder in Bezug auf unsere Rolle als Beratung ansehe, dann denke ich: Ja, darum geht es – diese Räume wollen gestaltet werden, und das geht auch nicht mehr alleine. Es ist ein gesellschaftliches Projekt, dass alle Bereiche Industrie & Technologie, Wissenschaft, Politik, Bildung und auch die Künste betrifft – jeder in seinem Wirkbereich. Herbert Diess posted am 12.9.2019 auf LinkedIn: „Wir stehen vor einem echten Systemwechsel, den wir als Autoindustrie nicht im Alleingang bewältigen können

Und so wie  Maja Göpel  es so treffend auf den Punkt bringt „Warum können wir diese Aufbruchsstimmung nicht generell fassen für eine gemeinsame Idee des Wirtschaftens des 21. Jahrhunderts auf allen Bereichen?“.

Das Telefon klingelt. Ich gehe auf den „Flur“ im ICE und stoße zufällig auf Robert Habeck. Wie sich herausstellt war auch er auf der IAA und auf einem  Podium  mit Daimler-Chef Ola Källenius: Ein Satz lässt mich aufhorchen: „Die CEOs der IAA sind in vielerlei Hinsicht viel weiter als die Politiker!“ Ich werde nachdenklich. Was können wir voneinander lernen, wenn wir wieder miteinander ins Gespräch kommen und uns befähigt fühlen, die Zukunft zu gestalten? Eine der hartnäckigsten Denkweisen ist das Gefühl der eigenen Ohnmacht. Aber sind wir nicht alle auf einem Entwicklungsweg in einer sich existentiell wandelnden Welt. Und ist es nicht eine Riesenchance, wenn wir mit unseren unterschiedlichen Kompetenzen in einen ehrlichen Dialog treten, um in der Entwicklung ein gesamtgesellschaftliches Bild zu prägen. Hinein in eine neue Handlungslogik. Nicht lähmen-lassen, nicht polarisieren, zuhören und mitreden. Jetzt!